Dafür, dass du mir mein ganzes Leben ruiniert hast. Dafür, dass ich wegen dir kaum noch einem Menschen vertrauen kann. Dafür, dass du nie für mich da warst, wenn ich dich gebraucht hätte.
Manchmal hat es sich so angefühlt, als wolltest du mir zeigen, dass ich nichts wert bin, dass ich für die Welt unwichtig bin, dass ich niemandem etwas bedeute.
Du wolltest mich umbringen. Doch ich weiß nicht warum. Vielleicht, weil du nicht mit der Veränderung klar kamst, plötzlich Verantwortung tragen zu müssen. Vielleicht, weil du dein eigenes Leben weiter leben wolltest, so wie vorher, mit Alkohol, Drogen und deinen Freunden, die nie anders waren, als du. Aber manchmal frage ich mich, wie ein Mensch so sein kann. Wie kann ein Vater seine Tochter umbringen wollen?! Wie kann ein Mensch so herzlos, so verletzend, so brutal sein?! Ich weiß es nicht.
Doch es gab eine Zeit, in der ich dich hätte kennenlernen wollen. Die Zeit, in der ich nicht mehr leben wollte, die Zeit, in der ich einen Menschen brauchte, der für mich da war. Ich habe einen gefunden. Ich habe einen Menschen gefunden, dem ich bedingungslos vertrauen kann. Doch ich hätte mir einen Vater gewünscht. Einen Vater, der für mich da ist. Einen Vater, der mir hilft, mit allem klar zu kommen. Doch du warst nicht da. Du hast mich einfach alleine gelassen.
Ich musste in meinem Leben viel durchmachen. Ich musste viel ertragen. Vieles überstehen, ohne einfach zu springen. Ich habe vielen Menschen vertraut, vielleicht zu vielen, bis ich verstanden habe, dass ich früher oder später sowieso nur verletzt und enttäuscht werde. Nur einen einzigen Menschen habe ich gefunden, der mich wahrscheinlich nie verletzen wird. Nur zwei Menschen, denen ich vertraue. Doch ich weiß, dass einer der beiden mich verletzen wird. Und er hat mich schon verletzt.
Aber auch du hast mich verletzt. Als du mit einem Tisch versucht hast, mich umzubringen. Als du damit fast auch noch einen Menschen umgebracht hättest. Als dir alles über den Kopf wuchs und du nur noch einen Ausweg sahst. Du wolltest zum Mörder werden. Zusätzlich zu deinen anderen Straftaten wie Körperverletzung, Diebstahl, Einbruch und Drogendealen wolltest du auch wegen Mord angeklagt werden.
Früher konnte ich das alles noch nicht verstehen, war noch zu klein dafür. Doch als mir gesagt wurde, dass du mit den Worten „Ich will keine Tochter!“ einen Tisch in meine Richtung geschleudert hast, war ich geschockt. Denn auch da konnte ich das alles noch nicht verstehen. Jedoch nicht, weil ich zu klein war. Es war für mich unverständlich, wie man einem Menschen so was antun kann.
So viel in meinem Leben ist schief gelaufen, so viele Narben und Wunden auf meiner Seele und meinem Herzen halten mich davon ab, einfach alles zu vergessen. Und an vielen dieser Verletzungen bist du schuld. Wegen dir traue ich mich nur noch selten, einem Menschen zu vertrauen. Wegen dir musste ich meinen Weg oft alleine gehen. Ohne Freunde, ohne eine Familie.
Aber es ist leicht, dir für alles, was in meinem Leben schief gelaufen ist, die schuld zu geben. Doch Schuld, das habe ich erst vor kurzer Zeit verstanden, bin nur ich. Denn ich habe zugelassen, dass du immer noch eine Rolle in meinem Leben spielst.
Doch wahrscheinlich erinnerst du dich gar nicht mehr wirklich an mich. Zwar fragst du oft nach mir, wie es mir geht, doch innerlich suchst du wahrscheinlich verzweifelt nach den Bildern von mir, die du schon vor langer Zeit verloren hast. Die du vielleicht sogar mit Absicht verloren hast.
Doch vielleicht weißt du gar nicht mehr wirklich, dass ich existiere. Und das tut weh.
Für all das hasse ich dich und dadurch, dass mir dieser Hass so weh tut,
wird er umso größer...
Vielleicht erinnerst du dich ja doch noch an deine „Tochter“...
(Ausschnitt aus einem Brief aus 2011)
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